Presse: Schulleiter sehen grün-rote Neuerungen zwiespältig

logo graenzboteDie grün-rote Landesregierung hat gerade im Bildungssektor einiges verändert seit der Wachablösung in Baden-Württemberg. Die Einführung der Gemeinschaftsschule, eine stärkere individuelle Förderung der Schüler und die Abschaffung der verbindlichen Schulempfehlung für Grundschüler sind zentrale Punkte. Wie setzen sich die Neuerungen im Schulwesen durch und was halten Schulleiter im Landkreis Tuttlingen davon?

„Ich bin ein Befürworter der Gemeinschaftsschule, weil die Werkrealschulen  viele Änderungen mitgemacht haben“, sagt Bernd Scharfenort, Leiter der Löhrschule in Trossingen. Die Schülerschaft sei „zunehmend heterogener, mit Frontalunterricht kommen wir da nicht weiter“. Gruppenunterricht sei an der Trossinger Werkrealschule allerdings bereits vor Grün-Rot umgesetzt worden, betont Scharfenort. „Wir brauchen die Gemeinschaftsschule, um die Ressourcen zu bekommen, um die individuelle Förderung noch intensivieren zu können.“

Die Löhrschule will zum Schuljahr 2013/14 Gemeinschaftsschule werden, dafür ist eine Zweizügigkeit notwendig, „nur dann wird das Kultusministerium es genehmigen“.

Bisher liegen 25 Anmeldungen vor, „wir brauchen 29 bzw. 31“. „Mit dem Wegfall des verbindlichen Grundschulempfehlung wird deutlich, dass die Haupt- und Werkrealschule schule keine Akzeptanz mehr hat“, sagt Scharfenort. Die Wahlfreiheit, die den Eltern der Wegfall der verbindlichen Schulempfehlung beschert hat, wirke sich „so dramatisch aus, dass die Werkrealschulen ums Überleben kämpfen“.

Die Löhrschule sei sogar „doppelt so heftig getroffen, weil wir keine Grundschule dabei haben“.

Grundsätzlich steht der Schulleiter den grün-roten Neuerungen aufgeschlossen gegenüber, „ich glaube jedoch, dass wir bei den Ressourcen nicht sparen dürfen, wenn eine neue Schulform eingeführt werden soll“.

Kritisch sieht Michael Seiberlich, Leiter der Ludwig-Uhland-Realschule in Tuttlingen, einiges von dem, was die neue Landesregierung umsetzen will. „Wir haben beschlossen, selbstständige Realschule zu bleiben und nicht Gemeinschaftsschule zu werden, weil wir deutliche Anhänger der Dreigliedrigkeit sind.“ Insgesamt werde bei den grün-roten Modellen „zu wenig an die Realität gedacht“.

Bei den Auswirkungen der unverbindlichen Schulempfehlung müsse man abwarten. „Ich befürchte, dass sich die Erwartungen nicht erfüllen werden.“ Erste Befürchtungen eines massiven Schülerandrangs fürs kommende Schuljahr seien jedoch nicht eingetreten. „Wir sind nicht überrannt worden, die Anmeldezahlen lagen etwa so hoch wie im Vorjahr.“

Ähnlich sei es an der Hermann-Hesse-Realschule in Tuttlingen sowie den Gymnasien der Kreisstadt. Die Notwendigkeit einer Differenzierung im Unterricht nehme zu, da die „Schülerschaft immer inhomogener wird“, stellt auch Seiberlich fest.

Viel diskutiert werde derzeit die „4B-Methode“, nach der nach Wochenplänen gearbeitet werden soll und Lehrer als „Lernbegleiter“ wirken. 17 Realschulleiter aus den Landkreisen Tuttlingen und Konstanz fahren in diesen Tagen in die Schweiz, um die praktische Umsetzung dieses Modells in Augenschein zu nehmen. Seiberlich ist skeptisch: „Lehrer sind auch Erzieher“, sagt er. „Sie wollen nicht in den Hintergrund treten, sondern eine aktive Rolle spielen.“

Eine „reine Moderatorenrolle“ könne er nicht gutheißen. „Auch ich möchte Lehrer sein – aber ich fürchte, dass so ein völlig neues Rollenbild von Pädagogen geschaffen wird“.